Warum ich mich vom Crowdfunding (vorerst) verabschiede

Ich bin ein großer Befürworter des Crowdfundings. Ich mag die Idee, dass Kleininvestoren zusammenkommen, sich für eine Idee engagieren und zusammen sich Optionen erschließen, in Märkte und Produkte zu investieren, die ihnen sonst vielleicht nicht offenstehen. Auch gefällt mir der altruistische Gedanke mit denen manche Investments eingegangen werden, um eine Idee, die kommerziell vielleicht nicht verheißungsvoll erscheint, zu realisieren.

Die Art und Weise wie Crowdfunding aktuell jedoch – nach sechs, sieben Jahren nach dem Start – europaweit betrieben wird, gefällt mir nicht. Was mich stört, kann ich leider nicht in einem Satz zusammenfassen. Es sind viele kleine Punkte, die in Ihrer Gesamtheit den Crowdfundingmarkt weniger attraktiv machen als er sein könnte, und ihn für mich im Moment sogar unattraktiv macht:

 

1 Der Dealflow ist zu unübersichtlich

Es gibt laut crowdfunding.de aktuell 55 Plattformen in Deutschland (manche mehr, manche weniger aktiv und nicht alle mit Start-ups als Fokus). Um Informationen über neue Investments zu erhalten, muss man auf jeder dieser Plattformen ein eigenes Nutzerprofil unterhalten. Um über neue Investmentmöglichkeiten informiert zu bleiben, muss ich regelmäßig die Plattformen besuchen oder mich für deren Newsletter einschreiben.

Dieser Kritikpunkt wird teilweise durch Aggregatoren wie Crowdexplorer oder Crowdcircus gelindert. Deren Auftritte enthalten aber auch nur in begrenztem Umfang wichtige Informationen, die für die Investitionsentscheidung relevant sind. Aggregatoren helfen also bislang auch nur darüber informiert zu sein, was im Regal steht, aber nicht, was in der Verpackung steckt.

 

2 Die Analyse von Angeboten (über verschiedene Plattformen hinweg) ist nur bedingt möglich

Da die Investmentverträge der einzelnen Plattformen teilweise sehr unterschiedliche Risiko- und Renditebestandteile enthalten, muss für jede Plattform zur Analyse der Investments ein eigenes Modell gestrickt werden, um die Fundings einer Plattform bewerten und untereinander vergleichen zu können.

Dies wird auch nicht dadurch vereinfacht, dass seitens der Plattform Planzahlen regelmäßig zwar tabellarisch aber nicht exportierbar (bspw. als Excel) angeboten werden. Zahlen müssen also abgetippt werden. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit seitens der Plattform Tools zur finanziellen Analyse zur Verfügung zu stellen (wobei das vielleicht auch nicht der richtige Ort dafür ist; siehe Interessenkonflikt).

Eine Vergleichbarkeit der Angebote verschiedener Plattformen untereinander, würde dadurch aber auch nicht ermöglicht. Es gäbe zwar Möglichkeiten, verschiedene Angebote untereinander zu vergleichen; die meisten aber haben immer mindestens einen Haken – in der Regel, dass der Vergleich nicht risikoadjustiert ist oder dass mit übermäßig vielen Annahmen gearbeitet werden muss.

 

3 Informationsdefizit

Der kleine Anleger hat ein offensichtliches Informationsdefizit gegenüber dem Unternehmen, welches finanziert werden möchte. Das ist erstmal doof, aber nicht kriegsentscheidend. Mein Kritikpunkt ist, dass meines Erachtens und Wissens nicht genug versucht wird, um dieses Informationsdefizit zu minimieren.

Die Anlagealternative Börse ist da ein gutes Gegenbeispiel. Mir ist bewusst, dass allein der Aufwand diese Art der Informationstransparenz herzustellen von Start-ups nicht zu stemmen ist, aber möchte ich auch mal festhalten, dass ich über die wirtschaftliche Beschaffenheit eines börsengelisteten Unternehmens als Nicht-Investor mehr erfahren kann, als als Investor in einem von der Crowd gefundeten Unternehmen.

Nochmal: Börsentransparenz soll nicht das Ziel sein! Dennoch gibt es genug Stellschrauben für Plattformen und gefundete Unternehmen, um Transparenz zu erhöhen. Das würde damit anfangen, dass Plattformen eine gewisse DueDiligence ggü. ihren Investoren anbieten würden und die Art Ihrer DueDiligence auch kommunizieren. Teilweise werden Prüfungsleistungen sicherlich heute schon erbracht. Schließlich geht es auch für die Plattformen darum, Schaden vom eigenen Unternehmen abzuwenden.

Für die finanzierten Unternehmen betrifft die Kritik dagegen gar nicht so sehr den Zeitraum vor der Investition. Zu diesem Zeitpunkt sind die Unternehmen häufig noch sehr auskunftsbereit (oder man entscheidet sich als Investor einfach gegen eine Investition). Vielmehr stört mich, dass einigen Unternehmen nach Investition ihre Informationsfreude vergeht, teilweise sogar in einem Maße, der nicht den vertraglichen Pflichten der Unternehmen entspricht…

Vertraglich hat ein Investor dann häufig keine weiteren Mittel als außerordentlich zu kündigen. Automatische Sanktionsmechanismen können hier Abhilfe schaffen, sind aber nicht in den Verträgen vorgesehen.

 

4 Die Rendite ist einfach zu mager

Wer meine Performanceupdates verfolgt, dass ich bislang (mathematisch unsauber) auf eine Gesamtrendite von ca. 110% komme. Da geht es mir schonmal wesentlich besser als vielen anderen, die womöglich eine ‚negative Rendite‘ vorzuweisen haben. Bei mir ist die Gesamtrendite im Wesentlichen aber auch auf ein einziges sehr erfolgreiches Investment zurückzuführen. Hätte ich das nicht gehabt, stünde ich bei etwa 6% Gesamtperformance. Das ist schon ein Unterschied…

Annualisiert komme ich auf eine niedrige zweistellige Rendite. Wenn ich das vergleiche, was man mit Standardaktien im selben Zeitraum verdient hätte, muss ich sagen, ist das zwar fast akzeptabel akzeptabel, aber dennoch hätte ich die Zeit, die ich in Crowdinvesting gesteckt habe, dann doch lieber am Baggersee gelegen. Für den Aufwand, die Laufzeit, die Liquidität und natürlich das Risiko fühle ich mich als Investor einfach nicht adäquat entlohnt (was aber auch stark mit Punkt 7 zusammenhängt).

 

5 Steuern

Wenn man auf eine Investmentform schimpft, dann können Steuern nicht weit sein. Mein Problem ist aber nicht das Steuerzahlen an sich (so viel zu versteuern gibt es ja auch nicht; siehe Rendite). Mein Kritikpunkt ist, dass ich mir die Steuern je Plattform selber zusammenrechnen muss. Einige haben zwar eine Erträgnisaufstellung, die sie liefern, aber der Standard ist das nicht. Hinzukommt, dass die steuerliche Behandlung der Erträge nicht immer klar ist/war/kommuniziert wurde.

Plattformen könnten Abhilfe schaffen, indem sie aggregiert Steuern berechnen je Anleger, tun sie aber wie gesagt selten. Die seitens der Start-ups bereitgestellten Information können bei Ausschüttungen und besonders Rückzahlungen auch besser sein.

 

6 Interessenkonflikte bleiben ungelöst

Das Hauptinteresse von Unternehmen ist Profit- und damit Umsatzgenerierung. Plattformen verdienen in erster Linie an der Provision, die finanzierte Unternehmen in Abhängigkeit von der Fundingsumme an sie zahlen. Das Hauptinteresse von Plattformen liegt also an abgeschlossenen erfolgreichen Fundings. Die Performance der Anleger ist da eher von nachgelagertem Interesse. Dieser Interessenkonflikt kann durch einen Gleichlauf von Interessen, bspw. über eine Carryvereinbarung, gelindert werden.

Eine absolute Lösung des Interessenkonfliktes ist auch nicht möglich, ich hätte mir aber mehr Linderung gewünscht, z.B. über mehr Transparenz und die Schaffung gleicher Interessen. Bspw. könnte die Plattform ihre Transaktionsgebühr mehr über die Zeit strecken und von Milestones des Unternehmens abhängig machen.

Hinzukommt, dass die einzigen Fürsprecher der Anleger im Zweifel die Verbraucherschutzbehörden sind. Damit gibt es keine Instanz, die die Interessen der Kleinanleger (sinnvoll) vertritt.

 

7 Administration bestehender Investments zu aufwendig

Neben Punkt 1 und 2 ist dieser Punkt der Wichtigste für mich: Die Verwaltung der Investments, wenn man es denn richtig machen wöllte, dauert einfach zu lang. Dieses Problem war auch ein bisschen die Basis für diesen Blog. Ich wollte mich zwingen, mich mit dem Thema mehr auseinanderzusetzen, damit ich Zeit in die Pflege meines Portfolios stecken würde. Das ist mir leider nur begrenzt gelungen. Das Monitoring, die Portfoliosteuerung und die Performancemessung sind selbst mit Excel noch zu aufwendig, als dass es sich lohnen würde.

 

Von den oben angesprochenen Punkten beziehen sich viele auf den Markt als solches und sind bei einem jungen Markt zu erwarten. Die Frage ist nur, ob wir nicht langsam an einem Punkt angekommen sind, wo man mehr erwarten könnte. Von den plattformbezogenen Kritikpunkten sind die meisten Plattformen betroffen; manche mehr, manche weniger. Sollten sich einzelne Plattformen im Markt durchsetzen, dürften sich einige Probleme aufgrund der Größe von alleine lösen. Die einzelnen Plattformen müssen größer werden.

Gleichzeitig muss sich eine Instanz etablieren, die es den Anlegern erleichtert, den Dealflow zu überwachen, einzelne Deals zu analysieren und ihr Portfolio zu beobachten, zu steuern und zu messen. Vielleicht wachsen einige der Aggregatoren in diese Rolle hinein. Vielleicht wird Crowdfunding.de auch die eine oder andere Rolle als Marktakteur einnehmen. Das Potential wäre vorhanden.

Solange die oben angesprochenen Kritikpunkte jedoch valide sind, werde ich – wenn überhaupt – nur sehr selektiv investieren. Damit findet auch dieser Blog hier leider sein Ende. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe einige nette Menschen kennengelernt und großartige Unterhaltungen geführt. Der Austausch mit der Community per Mail war ertragreicher als ich das im Vorfeld erwartet hatte. Das wird mir fehlen.

Solltet ihr jemanden kennen, der sich damit beschäftigt, einige der oben aufgeführten Probleme zu lösen, und wollt einen Kontakt herstellen: Ich helfe gerne!

Bis dahin wünsche ich euch weiterhin gute Renditen und viel Spaß am Investieren!

Enrico

5 Comments

  1. Peter Reiff said:

    Hallo Enrico, Du weist ja, dass ich vor einem Jahr schon so weit war und ich bin froh darüber, mich nicht mehr damit befassen zu müssen. Ich habe zwar noch einige kleinere Crowdfundings-Projekte am Laufen, die ich einfach so mitnehme, aber sonst nichts mehr.Schade, dass es so kommen musste.

    25. April 2018
    Reply
  2. Jan said:

    Gute Zusammenfassung und eigentlich ein „white paper“ für ein Crowdinvesting 2.0. bzw. für eine neue Plattform. Schade, denn deine Beiträge werden mir fehlen – aber besonders Zeit ist ja bekanntlich unbezahlbar. Ich orientiere mich in den letzten Monaten eher Richtung UK, auch wenn dort natürlich auch nicht alles perfekt läuft.
    Vielleicht bedarf es in D auch einer Fondslösung, wo deine oben skizzierten Punkte als Auswahlkriterium einfliessen;) (mal als Idee).

    Alles Gute und Danke für die exzellenten Beiträge.

    25. April 2018
    Reply
  3. akamaimai1 said:

    Hallo Enrico,
    wieder mal ein sehr guter Artikel! Du hast natürlich recht: Sich mit dem Thema zu befassen braucht unglaublich viel Zeit, insbesondere, wenn man es so systematisch und gewissenhaft macht wie du. Die Alternative war und ist natürlich, mit der Schrotflinte draufzuschießen und auf einen Treffer zu hoffen – aber dann sind wir wieder beim Glücksspiel und dahin wollten wir ja alle nie.

    Ich bin, ehrlich gesagt, auch von der Branche an sich enttäuscht. Es gibt wenig Willen zur Weiterentwicklung bei den Plattformen, wenig Verständnis dafür, dass die Crowd eben nicht nur eine graue Masse mit Geld ist. Ich fürchte, wir werden da demnächst noch einige Plattformen gehen sehen, denn den Anlegerunmut spüre ich an allen Ecken.

    Viele Grüße
    Anne

    26. April 2018
    Reply
  4. Hallo Enrico, Deine Punkte kann ich alle nachvollziehen. Auch ich bin seit einiger Zeit Investor in Crowdfunding-Projekten und finde die Informationspolitik und Transparenz der Projekte – auch und insbesondere im Hinblick auf die Prüfung der Wirtschaftlichkeit der Projekte und des Risikoprofils verbesserungswürdig.
    Ein weiterer Punkt, wo sich die deutschsprachigen Crowdfunding-Plattformen einiges abschauen können hinsichtlich ihrer technologischen Reife ist eine Auto-Invest-Funktion, die es bei fast allen mir bekannten P2P-Plattformen gibt. Dadurch ist ein deutlich diversifizierteres Anlegen in Projekte möglich. Kleinteiligere Investments werden darstellbar und insbesondere ist der Aufwand für die Prüfung von Einzelinvestments nicht mehr so hoch. Auch kann durch dieses granularere Risikoprofil des gesamten Portfolios auch auf einen Gutteil der Risikoanalyse verzichtet werden, wenn man die Risikoparameter für sich hinreichend trennscharf einstellen kann.
    Crowdfunding-Plattformen haben also noch einiges zu tun – von der angemessenen Verzinsung in Einklang mit dem individuellen Risikoprofil ganz abgesehen – um nachhaltig weiter deutlich wachsen zu können.
    Viele Grüße
    Andreas

    26. April 2018
    Reply
  5. Klaus-Dieter Tiepermann said:

    Hallo Enrico
    vielen Dank für deine hoch interessanten Beiträge, auch dieser hier trifft den Nagel auf den Kopf. Dein Blog wird uns fehlen – alles Gute
    Klaus

    1. Mai 2018
    Reply

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