Start-ups der Crowd fallen seltener aus

Die FAZ und Fundernation (und sicherlich noch viele andere) haben letztes Jahr darüber berichtet, dass Start-ups der Crowd seltener ausfallen, als andere Start-ups. Beide haben sich dabei auf eine Studie des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb bezogen.

Was mich häufig aufregt (aber nicht Thema dieses Artikels sein soll), ist, wenn insbesondere überregionale Nachrichtenseiten sich auf Studien beziehen und diese dann nicht verlinken. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine Studie aus dem Zusammenhang gerissen oder – alternativ – unabsichtlich falsch verstanden wurde.

In diesem Fall ist das besonders schade, weil der Artikel „Success and Failure in Equity Crowdfunding“ von Lars Hornuf und Matthias Schmitt wirklich gut geschrieben und vor allem erkenntnisreich ist. Der Artikel kommt nämlich zu einer Fülle von Einsichten, die darüber hinausgehen, dass Start-ups der Crowd besser performen…

Anmerkung: Der Artikel wurde im Juni 2016 veröffentlicht. In der Zwischenzeit hat sich sicherlich eine Menge getan. Dennoch finde ich den Artikel lesens- und empfehlenswert.

Absicht der Verfasser

Tatsächliches Ziel der Untersuchung war es, festzustellen, ob Equity Crowdfunding überhaupt relevant ist, d.h. ob es eine Lücke im Finanzierungsprozess von Unternehmen füllt, oder ob die Unternehmen, die zum Crowdinvesting kommen, generell nicht finanziert werden sollten.

Um dies zu überprüfen, haben sich die Autoren aufgemacht und die Erfolgsquote der Unternehmen sowie das Auftreten von vorherigen und nachfolgenden Investments durch Venture Capital und Business Angels studiert. Dabei haben sie sich aufgrund der Größe der Märkte auf Deutschland und UK beschränkt, dort aber jeweils nahezu den gesamten Markt abgedeckt.

Marktentwicklung in Deutschland und UK

Die Autoren legen das Grundwerk ihrer Arbeit bei der Beschreibung der Marktentwicklung in den beiden beobachteten Märkten. Dabei hat das Equity Crowdfunding zeitgleich im Herbst 2011 seinen Ursprung.

In dem Zeitraum vom September 2011 bis Jahresende 2015 wurden in Deutschland 303 Kampagnen auf 22 Plattformen gestartet. Davon waren 210 erfolgreich, 54 erfolglos und bei 39 konnte der Status nicht ermittelt werden. Für UK wurde lediglich festgestellt, dass 423 Kampagnen erfolgreich abgeschlossen wurden.

Trotz der höheren Anzahl der Kampagnen kann man, bei Vergleich der deutschen Volumina (52 Mio. €) mit den englischen Volumina (ohne numerische Angabe) zu dem Schluss kommen, dass sich der deutsche Markt bis Jahresende 2013 schneller entwickelt oder zumindest ähnlich schnell entwickelt hat, wie der englische Markt.

Quelle: Hornuf, L. und Schmitt, M. (2016), “Success and Failure in Equity Crowdfunding”, CESifo DICE Report 2/2016 (June), S. 2.

Insolvenzen und Liquidierungen

Um die Relevanz von Equity Crowdfunding zu beurteilen haben die Autoren dann die Insolvenzrate der Start-ups analysiert. Diese wurde als Schätzer dafür untersucht, ob die schwarmfinanzierten Start-ups von generell ‚schlechterer Qualität‘ seien.

Es wurde festgestellt, dass ein durchschnittliches Start-up drei Jahre nach Gründung zum Crowdfunding kommt. Von den untersuchten Firmen, deren Funding im Beobachtungszeitraum lag, waren 85% der Firmen drei Jahre nach Gründung noch aktiv und befanden sich weiterhin 70% der Firmen auch vier Jahre nach Kampagnenende noch im laufenden Betrieb.

Die Autoren ziehen dann beim Vergleich mit dem KfW-Gründungsmonitor 2012 die Schlussfolgerung, dass die schwarmfinanzierten Start-ups nicht signifikant schlechter performen. Die KfW Studie kommt zu dem Schluss, dass der Anteil an noch aktiven Gründungen nach drei Jahren bei lediglich 68% liegt.

Hier hatte ich zumindest zu Beginn eine kleine Schwäche gesehen; schließlich sind die Beobachtungszeiträume doch sehr unterschiedlich. Die KfW stützt sich auf Befragungen aus den Jahren 2008 bis 2011; und verglichen mit dem Zeitraum 2012 bis 2015 waren die ökonomischen Bedingungen in diesen Jahren doch leicht härter. Mehr Insolvenzen wären also zu vermuten.

Allerdings verweist die KfW in aktuelleren Ausgaben des Gründungsmonitors auch auf die Stabilität der „3-30-Faustregel“. Demnach beenden 30% der Gründer im Laufe von drei Jahren ihre Existenzgründung wieder. Deshalb musste ich meinen Anflug leichter Kritik an dieser Stelle gleich wieder einfangen.

Die Autoren haben sich daraufhin auch kurz mit der Frage befasst, ob der Schwarm als Smart Money angesehen werden kann und haben die Insolvenzrate von erfolgreich finanzierten Unternehmen mit der Insolvenzrate von Unternehmen verglichen, deren Kampagnen gescheitert war. Dabei haben sie festgestellt, dass 13% der Unternehmen mit erfolgreichen Kampagnen ausfallen, verglichen mit einer Insolvenzrate von 17% bei den Unternehmen mit gescheiterten Kampagnen.

Fairerweise kommen sie selbst zu der Einschätzung, dass es sich hierbei auch um eine selbsterfüllende Prophezeiung handeln könnte. Schließlich erhalten die Unternehmen, deren Kampagnen scheitern, auch kein Kapital von der Crowd und ggf. fehlt es Ihnen dann an Liquidität, um den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten zu können.

Venture Capital und Business Angels

Die Autoren haben weiterhin untersucht, ob Unternehmen vor, während oder nach einer Kampagne Geld von VCs bzw. Business Angels erhalten haben. Da beim Crowdinvesting häufig B2C-Unternehmen Geld aufnehmen, sind am Ende viele Investoren gleichzeitig auch potentielle Kunden. Durch ihre Investition validieren die Investoren also zu einem gewissen Grad auch den Business Case. VCs und Business Angel nutzen daher Equity Crowdfunding als Screening-Mechanismus um gute Projekte auszuwählen.

Hierbei haben sie festgestellt, dass Unternehmen in UK eher vor und Unternehmen in Deutschland eher nach einer Crowdfundingrunde VC- bzw. BA-Kapital erhalten. In den seltensten Fällen erfolgt die Finanzspritze während einer Kampagne, wobei gerade dies den Erfolg der Kampagne selbst positiv beeinflussen könnte.

Exit-Möglichkeiten

Der Abschnitt ‚exit opportunities‘ ist meines Erachtens der schwächste Teil des Artikels. Ich hatte sogar kurzfristig überlegt ihn in dieser ‚kommentierten Zusammenfassung‘ nicht zu erwähnen. Ich habe mich aber der Transparenz halber dagegen entschieden. Die beiden Verfasser präsentieren in diesem Abschnitt die Exit-Angebote, die die Crowd bis zu diesem Zeitpunkt erhalten hatte.[1]

Dabei gehen sie Erklärung der Motivation für die Rückkaufangebote berechtigterweise auf die Komplexität ein, mit welcher Unternehmen zu kämpfen haben, wenn Crowdinvestoren als Einzelpersonen Teilhaberechte aus ihren Investmentverträgen gültig machen können.

Allerdings haben sie dann versucht, die Attraktivität der ‚Assetklasse Equity Crowdfunding‘ in Deutschland anhand der genannten Exits zu bewerten. Angenommen ein Investor hätte in alle Kampagnen den gleichen Betrag investiert, hätte er bis Ende 2015 einen Gesamt-ROI von -23,2% eingefahren. Zinsen wurden bei dieser Berechnung übrigens unberücksichtigt gelassen.

Nun muss ich zugeben, dass es verdammt schwer ist, eine vernünftige Marktrendite zu berechnen. Trotzdem hat die Berechnung der Autoren meines Erachtens so gut wie keine Aussagekraft. Ich möchte damit nicht ausschließen, dass die Marktrendite beim Crowdinvesting sehr wohl negativ sein kann. Allerdings sind die Rückkaufangebote keine besondere oder zumindest nicht die einzige relevante Renditekomponente.

Diese -23,2% Gesamt-ROI des deutschen Marktes werden im Übrigen dann noch mit einer Studie des britischen Marktes in Verbindung gesetzt. In dieser Studie wurde die Performance annualisiert angegeben und zudem durch eine andere Methodik ermittelt. In der Studie von Andrea Signori und Silvio Vismara wurden nämlich u.a. die Bewertungen von Folgefinanzierungen crowdfinanzierter Unternehmen als Bewertungsmaßstab angesetzt. Infolge der Methodik zeigt der britische Markt nicht ganz überraschend eine höhere Marktrendite (+8,8% p.a.). Wie bereits angedeutet, vergleichen kann man die Renditen aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen meines Erachtens keineswegs.

Ausblick

Die Studie endet mit einem interessanten und meiner Meinung nach heute noch gültigem Ausblick:

Die Autoren stellen fest, dass trotz der verhältnismäßig niedrigen Insolvenzen, die bisherigen Renditen enttäuschend seien. Da Investoren im Equity Crowdfunding – im Gegensatz zu anderen Crowdfundingvarianten – jedoch eine finanzielle Rendite erwarten, würden sie sich aus dem Bereich Equity Crowdfunding früher oder später zurückziehen, außer die Renditesituation verbessert sich in naher Zukunft. Die Argumentation hat der eine oder andere sicherlich schon einmal gehört oder gelesen. Die stagnierenden Volumina der letzten Jahre im Start-up Bereich gehen zum Teil gewiss auch darauf zurück.

Fazit

Gute Studie mit einer Vielzahl von interessanten Fragestellungen und Antworten. Falls du des Englischen mächtig bist: Es lohnt sich (hier nochmal der Link). Alternativ hast du obenstehend eine Zusammenfassung. Das sollte auch ausreichen, um die Hauptpunkte mitzunehmen. Die verlinkten Artikel – teilweise in englischer Sprache – kann ich dir größtenteils auch empfehlen. Wenn du ähnliche Studien kennst oder sogar selber durchgeführt hast: Immer her damit!

Bis dahin wünsche ich dir einen guten Start ins Jahr 2018 und viel Erfolg!

 

[1] Bestehend aus Smarchive, Bloomy Days, Companisto, LeaseRad, Cashboard, 5 Cups und Lottohelden.

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