Die Langfristbörse

Wertpapierbörsen dienen den meisten vorrangig nicht zur Emission von Wertpapieren, sondern ermöglichen – wie der Name schon andeutet – einen Zweitmarkt, an dem Anleger mit geringem Aufwand und möglichst niedrigen Kosten Wertpapiere kaufen und verkaufen können.

Das Problem

Die Einfachheit, eine Aktie jederzeit kaufen und verkaufen zu können, führt dazu, dass nicht jeder Anleger das Langfristinteresse des Unternehmens im Sinn hat. Ganz im Gegenteil: Teil des Problems, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, konsistent in Innovationen zu investieren, ist der Druck des Marktes kurzfristige Wachstums- und Profitziele zu erreichen. Dieser Ansicht ist wenigstens Eric Ries, der vielen sicherlich als Autor des Bestsellers Lean Start-up bekannt ist. Außerdem hat er 2015 die Long-Term Stock Exchange (LTSE) gegründet.

Den Rückgang von gelisteten Unternehmen – seit 1996 hat sich die Anzahl der gelisteten US-Unternehmen halbiert – führt er in großen Teilen darauf zurück, dass heutige Unternehmen gar nicht mehr an die Börse gehen wollen. Unternehmen wollen nicht die Kontrolle verlieren, wollen nicht von Quartal zu Quartal denken, und sie wollen sich auch nicht vom Auf und Ab und schrillem Gekreische von aktivistischen Investoren ablenken lassen. Die Argumentation erscheint auch verständlich und nachvollziehbar, aber was soll die Alternative für große kapitalsuchende Unternehmen sein?

Die Lösung

Eric Ries wünschte sich eine Börse, die langfristige Wertschöpfung fördert, und mit der LTSE hofft er genau dies geschaffen zu haben. Finanziert wurde er dabei unter anderem von Valley-Größen wie Marc Andreessen, Reid Hoffman und Steve Case.

Die LTSE hat sich wie der Name schon sagt dem Langfristdenken verschrieben. Die größte Änderung gegenüber „herkömmlichen Börsen“ ist die Stimmrechtverteilung unter den Investoren. Das sog. „tenure voting“ stattet diese Investoren, die eine Aktie länger halten, mit mehr Stimmrechten aus als Investoren, die erst seit kurzem in dem Unternehmen investiert sind. Andere Änderungen betreffen bspw. das Vergütungssystem („variable Vergütung des Managements darf nicht von Kurzfristzielen abhängen“) oder die Offenlegungspflichten („keine permanente Forward-Guidance“).

Die Beurteilung

Die Befürworter der LTSE sehen in ihr selbstverständlich die Antidote zur Wall Street und dem damit verbundenen Kurzfristdenken. Gleichzeitig erhoffen sie sich, dass die LTSE großen privaten Unternehmen wie Airbnb und Uber einen Anreiz bietet Kapital an der Börse aufzunehmen. Kritikern erscheint die LTSE als ein weiteres Vehikel, welches mächtigen Valley Investoren die Möglichkeit gibt, die Kontrolle zu erhalten und zu übernehmen.

Ich freue mich ehrlich gesagt darüber, dass dieses Experiment gewagt wird, weil ich die Idee extrem spannend finde. Ob es von Erfolg gekrönt wird oder nicht, wage ich nicht hervorzusagen, aber ich sehe durchaus potentielle Probleme bei der Liquidität und der Preisfindung. Startschuss soll 2018 sein. In ein paar Jahren werden wir mehr wissen.

Deine Sicht auf die LTSE

Was denkst du? Wird die LTSE erfolgreich den Kapitalmarkt auf den Kopf stellen? Wird es eine Koexistenz von zwei Systemen geben oder ist die LTSE zum Scheitern verurteilt?

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