Der Crowdinvesting-Zweitmarkt und seine Herausforderungen

Das Konzept des Crowdinvesting-Zweitmarkts hat dieses Jahr wieder Fahrt aufgenommen, als Seedrs und Crowdcube verkündet haben, einen Zweitmarkt für ihre Fundings einzuführen. Da ich nur auf Seedrs aktiv bin, beschränke ich mich in meinen Ausführungen auf den Seedrs Zweitmarkt, der offiziell noch in der Betaphase ist.

Die Entwicklung von funktionierenden Zweitmärkten, auf denen Kauf und Verkauf regelmäßig möglich sind, halte ich für imminent wichtig, um das Crowdinvesting als Industrie langfristig zu etablieren. Jede Plattform, die dieses Projekt angeht, steht jedoch vor großen Herausforderungen: Informationsasymmetrie, Abwicklung, Preissetzung und Liquidität.

Informationsasymmetrie

Wer darf von wem kaufen? Schließlich hat der Investor, der bereits Anteile hält, einen immensen Informationsvorsprung gegenüber jedem neuen Investor. Diese Informationsasymmetrie könnte ein Alt-Investor ausnutzen, um sich Vorteile beim Verkauf zu verschaffen. So könnte er beispielsweise seine Anteile in einer Liquiditätskrise des Start-ups an den Neuinvestor verkaufen, der von dieser Krise gar nichts weiß.

Seedrs löst dieses Problem aktuell dadurch, dass nur bestehende Investoren untereinander handeln dürfen. Folgerichtig wurde das Problem der Informationsasymmetrie umgangen, da alle Investoren Zugang zu denselben Informationen haben (sollten). Gleichzeitig wurde jedoch der Kreis potentieller Käufer verkleinert und damit dem Markt Liquidität entzogen.

Ein zweiter Weg zur Behebung der Informationsasymmetrie könnte eine Due Diligence seitens des potentiellen Investors sein. Das verstößt aber üblicherweise gegen die Verträge mit dem Start-up, welche den Alt-Investor zur Geheimhaltung verpflichten. Großflächig kann der Weg über eine Due Diligence nur erfolgreich sein, wenn dieser Prozess von der Plattform gesteuert wird, welche den Zweitmarkt betreibt. Ein solches Modell habe ich allerdings noch nicht gesehen, und dürfte wohl auch nur unter Zustimmung des finanzierten Start-ups erfolgen. In diesem Szenario würde also vermutlich die Marktbreite leiden.

Preissetzung und Liquidität

Sollte der Preis von einem Market Maker oder einer anderen dritten Partei gesetzt werden oder sollten die Marktfunktionen den Preis bestimmen?

Bei einer Preissetzung durch einen Market Maker ist das erste Problem, jemanden zu finden, der diese Bürde überhaupt auf sich nehmen möchte. Ein Market Maker würde das Problem haben, dass er einerseits Spreads stellen muss, die für Investoren attraktiv sind, und gleichzeitig ein großes Ausfallrisiko hält, da er ein Portfolio an Anteilen halten muss, welches ihn auch in die Lage versetzt, jederzeit Anteile kaufen und verkaufen zu können. Das Ganze scheint mir ein kleinvolumiges Geschäftsfeld mit hohen operativen Kosten zu sein, was mir nur sehr schwer darstellbar scheint. Vom potentiellen Risiko möchte ich gar nicht sprechen.

Sollte der Preis von einer dritten Partei festgelegt werden, die nicht die Gegenseite des Geschäfts einnimmt, stellt sich immer die Frage nach dem ‚fairen Preis‘ sowie potentiellen Interessenkonflikten. Eine dritte Partei, die nicht die Plattform selbst ist, dürfte zudem ‚aus politischen Gründen‘ keinen allzu abweichenden Bewertungsansatz als die Plattform verfolgen. Schließlich würden Investoren sehr schnell auf die Barrikaden gehen, sollten sie ihre gerade auf der Plattform über das Funding erworbenen Anteile auf dem Zweitmarkt für nur die Hälfte verkaufen können.

Für das Szenario öffentlicher Markt dürfte die Markttiefe nicht ausreichend sein, um einen liquiden Markt zu schaffen, der dem öffentlichen Kapitalmarkt ähnelt. Es bliebe noch die Variante über Auktionen bei denen Investoren auf Anteile anderer Investoren bieten könnten. Dieser Prozess könnte ähnlich ablaufen wie bei Aktien- oder Anleiheemissionen mit festgelegtem Zeit- und Preisfenster.

Abwicklung

Dies ist – glaube ich – das aktuelle Hauptproblem auf Investorenseite. Ein Kauf oder Verkauf von nicht am öffentlichen Markt gehandelten Produkten involviert stets eine Menge Papierarbeit. Hinzu kommt für viele Anleger die rechtliche Komplexität. Das Papier muss im schlimmsten Fall noch mehrmals postalisch verschickt werden, sodass sich am Ende der Transaktion auch alle Unterschriften dort befinden, wo sie stehen sollen. Dies schafft einerseits operativen Aufwand und zudem auch Kosten.

Es müssten also plattformseitig standardisierte Prozesse und Dokumente geboten werden, die eine – vorzugsweise komplett digitale – Abwicklung ermöglichen. Ohne diese Grundvoraussetzungen dürfte sich ein halbwegs tiefer Zweitmarkt für die eher kleinvolumigen Investments der Crowdinvestoren nicht darstellen lassen. Der Aufwand dürfte den Meisten schlicht und einfach nicht gerechtfertigt erscheinen.

Fazit

Mal ganz unabhängig von der Frage, ob ein Crowdinvesting-Zweitmarkt sinnvoll ist, erscheint es eine extreme Herausforderung, dies plattformseitig auf eine Art und Weise darzustellen, die alle Seiten zufrieden stellt.

Was ist deine Meinung? Welche Herausforderungen stellen sich den Plattformen und/oder Investoren noch entgegen?

3 Comments

  1. Also der Prozess auf Seedrs ist mit keinerlei großem „hussle“ verbunden und vollkommen standardisiert. Der „Papierkram“ läuft 100 Prozent online. Bis alles abgewickelt ist, dauert es nur ein paar Tage. Das liegt vermutlich aber auch an den Reaktionszeiten der Investoren, und weniger an der Plattform. Ich war bereits dreimal als Verkäufer und einmal als Käufer aktiv und kann nichts Negatives berichten.
    Seedrs würde sicherlich gut daran tun, den Handel für solche Werte für alle interessierten Investoren auszuweiten, die gerade erst eine Kapitalerhöhung durchgeführt haben (bis zu dem Zeitpunkt, wo neue relevante News pubpliziert werden).

    15. Oktober 2017
    Reply
  2. derBrain said:

    hallo enrico,

    bisher funktioniert aus meiner sicht nur folgende seite zum handel diverser anteile …

    http://www.crowdinvesting-forum.de

    jedoch hat der käufer hier KEINE möglichkeit an informationen zum start-up zu kommen (kann nur auf einen ehrlichen verkäufer hoffen oder evtl. eintragungen anderer profil-teilnehmer z.b. über einen insolvenzfall).

    daher hoffe ich auf eine bessere zukunft.

    saluti, jens

    16. Oktober 2017
    Reply
    • Klaus-Martin Meyer said:

      Einzelene Transaktionen hat es über das genannte Forum genau wie über den „Sekundärmarkt“ von Crowdstreet.de gegeben. Echter Handel ist das nicht, den gibt es bisher signifikant ausschließlich auf Seedrs unter Ausschluß des von Jens genannten Problems.

      24. Oktober 2017
      Reply

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