Crowdlendingangebote

Ich werde in letzter Zeit häufiger mal angesprochen, was ich denn von festverzinslichen Crowd-Produkten halte. Diese generieren in den letzten Quartalen auch immer mehr Volumen und haben das Start-up Investing ein bisschen abgehängt.

Grundsätzlich stehe ich festverzinslichen Produkten nicht negativ gegenüber. Allerdings muss man sich stets vor Augen halten, dass der Gewinn eben auf einen festen Zins begrenzt ist, während das Risiko nicht gering und nur schwer einzuschätzen ist. Wenn der Zins aber – meiner Meinung nach – risikoadäquat ist, steige ich auch gerne in solche Produkte ein.

Was ist ein risikoadäquater Zins?

Genau. Wer diese Frage immer richtig beantworten kann, ist in Kürze ein reicher Mann. Banken beschäftigen Heerscharen von Mitarbeitern, die stochastische Modelle bemühen, um genau dies herauszufinden. Als Crowdinvestor ist man da natürlich leicht im Nachteil. Nichtsdestotrotz ist die prinzipielle Vorgehensweise dieselbe:

Ein Zins besteht immer aus verschiedenen Komponenten. Diese Komponenten lassen sich auf unterschiedliche Arten aufspalten, aber ich betrachte folgende Bestandteile: risikofreier Zins, erwartete Inflation, das spezifische Ausfallrisiko, die Illiquiditätsprämie und die Laufzeitprämie.

Die einzelnen Zinsbestandteile

  • Der risikofreie Zins ist der Preis dafür, dass ich den verliehenen Betrag nicht heute konsumiere, sondern erst in der Zukunft zum Konsum erhalte.
  • Die erwartete Inflation kompensiert für den bis dahin entstandenen Wertverlust des verliehenen Geldes, sodass ich real denselben Geldbetrag zurückerhalte.
  • Das spezifische Ausfallrisiko vergütet mir das Risiko, das Geld nicht zurückzuerhalten. In einem diversifizierten Portfolio erhalte ich somit auch nach Ausfällen real denselben Geldbetrag zurück.
  • Die Illiquiditätsprämie ist der Preisaufschlag, der für die Illiquidität des Produktes zu zahlen ist. Ein guter Vergleich ist hierfür eine börsengehandelte Anleihe. Diese sollte unter normalen Umständen taggleich veräußerbar sein, sodass ich ganz nach meinen Bedürfnissen wieder auf meinen Investitionsbetrag zurückgreifen kann. Da die üblichen Crowdprodukte nur schwer handelbar sind, sollte bei ansonsten gleichartiger Struktur des Investments ein höherer Zins versprochen sein.
  • Gleiches gilt für eine längere Laufzeit. Je länger ich mein Kapital binde, desto höher sollte die Verzinsung sein. Der letzte Bestandteil ist also eine Laufzeitprämie.

Berechnung der Einzelkomponenten

Starten wir mal mit dem einfachen Part: Der risikofreie Zins, die Illiquiditätsprämie und die Laufzeitprämie lassen sich verhältnismäßig simpel durch ein laufzeitkongruentes Festgeldprodukt abbilden. Hierzu kann man sich auf einschlägigen Websites informieren, was aktuell für die angebotene Laufzeit der Alternativzins einer vertrauenswürdigen Bank ist. Aufgrund der Einlagensicherung kann man argumentieren, dass der Zins risikolos ist. Zudem lässt sich Festgeld nicht ohne weiteres kündigen (zumindest nicht ohne Zahlung einer Vorfälligkeitsentschädigung) und die Laufzeit sollte – wie gesagt – kongruent sein.

Die erwartete Inflation kann man in „normalen Zeiten“ ebenso relativ einfach mit dem Inflationsziel der EZB (von unter, aber nahe zwei Prozent) abhandeln. In nicht so normalen Zeiten (in denen wir uns befinden) nutze ich da lieber die Prognosen des IWF für die nächsten Jahre. Diese und weitere Prognosen findet man u.a. hier. Das hört sich komplizierter an, als es ist.

Bestimmung des spezifischen Ausfallrisikos

Das mit Abstand schwierigste aber ist das individuelle Ausfallrisiko des potentiellen Schuldners zu berechnen. Das tatsächliche Ausfallrisiko – wenn es das überhaupt gibt – genau zu berechnen, können wir vergessen, weil wir dazu als Crowdinvestoren keine vernünftige Datenbasis haben.  Einige Plattformen versorgen uns mit Ausfallwahrscheinlichkeiten von der Creditreform. Diese Ausfallwahrscheinlichkeiten halte ich tendenziell für zu optimistisch (eventuell liegt das an einer nicht repräsentativen Datenbasis der Creditreform im Vergleich zu den Ausfallwahrscheinlichkeiten von Start-ups), als Näherungs- und Vergleichswerte sind diese aber trotzdem zu gebrauchen.

Die Alternative wäre so eine Berechnung selber z.B. über eine Scorecard zu simulieren, allerdings kann man ohne Datenbasis damit auch nur eine sehr grobe Schätzung durchführen. Vielleicht werde ich mich aber in Zukunft mal hinsetzen und so etwas zumindest für einen Teilbereich, wie Immobilieninvestments, entwickeln.

Im schlimmsten Fall verfügt man aber „nur“ über 4 von 5 Zinskomponenten und geht dann eben nicht additiv, sondern subtraktiv vor und zieht die 4 berechneten Komponenten vom angebotenen Zins ab. Sollte der Restzins zu gering sein, um das Ausfallrisiko dem Gefühl nach abzudecken, würde ich sofort passen. Alternativ wird man mit einer gewissen Erfahrung zumindest die guten von den schlechten Angeboten unterscheiden können.

Und dann?

Im besten Falle hat man aber alle Zinskomponenten berechnet, addiert und stellt fest, dass der angebotene Zins darüber liegt. Das sollte aber noch nicht gleichbedeutend mit einer positiven Investitionsentscheidung sein. Der Zinsunterschied sollte noch groß genug sein, um die Unsicherheit der Berechnung abzudecken und außerdem einen realen Wertzuwachs zu erlauben.

In meinem nächsten Post bringe ich euch mal eine Beispielrechnung 😉

Bis dahin freue ich mich auf positive Rückmeldungen und konstruktive Kritik. Schreib mir einen Kommentar oder schick mir eine E-Mail an enrico@derstartupinvestor.de.

Ein Kommentar

  1. @akamaimai1 said:

    Coole Rechnung! Sie gefällt mir sehr gut, da sie das Bauchgefühl in den Hintergrund schickt und den Anleger anregt, erst einmal auf die Zahlen zu schauen.

    12. Juli 2016
    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.