Berechnung eines Zinsprofils

Wie im letzten Post versprochen, zeige ich heute einmal eine Beispielrechnung, wie ich bei der Investmententscheidung zu Crowdlendingangeboten vorgehe. Hierzu habe ich mir fünf aktuelle Angebote von verschiedenen Plattformen rausgesucht.

Es geht mir hier rein um eine Betrachtung des jeweiligen Zinsprofils, d.h. dass ich mir die einzelnen Verträge in der Regel nicht angesehen habe und daher an dieser Stelle auch noch nicht zu einer abschließenden Bewertung des jeweiligen Fundings kommen kann. Es soll sich lediglich um Beispielrechnungen handeln.

Die ausgewählten Angebote

Die untenstehenden Fundings sind mehr oder weniger zufällig ausgesucht. So ergeben sich auch die verschiedenen Laufzeiten und Anlageobjekte:

BERGFÜRST – Villa Sachs Ensemble

bettervest – Brikettproduktion ASIF Äthiopien

Zinsland – Alte Brauerei

Seedmatch – Kartenmachen.de

kapilendo – NewTex Trading GmbH

Berechnung eines Zinsprofiles

Zu meiner grundsätzlichen Vorgehensweise siehe bitte den vorigen Post Crowdlendingangebote. In diesem Post möchte ich tatsächliche Zahlenbeispiele liefern, was ich einmal etwas ausführlicher für kartenmachen.de vornehmen möchte.

Die Laufzeit des angebotenen Darlehens beträgt etwa 4,5 Jahre. Das hierzu laufzeitkongruente Festgeldprodukt wäre für mich das Bank11 Sparbriefkonto (4 Jahre) mit einer Verzinsung von 1,44%.  Die erwartete Inflation berechne ich aus den Prognosen des IWF und komme auf 1,45%.* Zusammen komme ich auf eine „Grundrendite“ von 2,89%. Die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit wäre demnach 5,11% (=8%-2,89%).

Zu Beginn des Funding gab es zusätzlich noch einen Early Investor Bonus in Höhe von 1%. Außerdem kommt beim Venture Debt von Seedmatch noch ein Venture Kicker hinzu (den ich hier missachte), d.h. die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit liegt im Zweifel sogar noch ein bisschen höher. Dies in Zusammenhang mit dem skalierbaren Geschäftsmodell und den positiven Unternehmenszahlen (positiver Jahresüberschuss, positiver Cash-Flow) hat mich überzeugt, dass die implizite PD ausreicht, um die tatsächliche Ausfallwahrscheinlichkeit von kartenmachen.de abdeckt und evtl. auch noch ein bisschen Spielraum für gute Gewinne vorhanden ist.

Übersicht der Zinsprofile und Vergleich

NameLaufzeitAngebotFestgeldalternativee. Inflationimplizite PD
kartenmachen.de31.12.20208%1,44%1,45%5,11%
Villa Sachs31.12.20186,5%1,2%1,19%4,11%
Kaffee-Brikett-Fabrik5 Jahre12%1,51%1,54%8,95%
Alte Brauerei18 Monate7%1%0,96%5,04%
NewTex Trading GmbH4 Jahre6,45%1,44%1,45%3,56%

Es erscheint mir wenig verwunderlich, dass die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit bei der Kaffee-Brikett-Fabrik in Äthiopien am höchsten ist. Ob die knapp 9% das Risiko adäquat widerspiegeln, kann ich aber vermutlich nicht einmal nach der Lektüre des Vertrags angemessen beurteilen.

Interessant ist der Vergleich der beiden Start-up Darlehen. Beide Produkte haben annähernd gleiche Laufzeiten und kommen auf relativ unterschiedliche implizite PDs. Zu kartenmachen.de habe ich mich ja bereits geäußert. Fraglich ist, ob beim Darlehen an die NewTex Trading GmbH die implizite PD ausreicht, um die tatsächliche Ausfallwahrscheinlichkeit abzudecken. Da das Unternehmen schon seit 1992 aktiv ist, einen positiven Jahresüberschuss im letzten Jahr hatte und auch für dieses Jahr erwartet, sowie eine selbstschuldnerische Bürgschaft des geschäftsführenden Gesellschafters vorliegt, könnte ich mir grundsätzlich vorstellen auch in dieses Angebot zu investieren. Allerdings ist der Level an finanzieller Offenlegung bei kapilendo zu bemängeln. Es gibt nur Informationen über den Umsatz und den Jahresüberschuss 2015 sowie die beiden Planzahlen für 2016, allerdings keine ausführliche Herleitung, geschweige denn Mehrjahresplanzahlen oder eine Cash-Flow Rechnung. Auch die Werthaltigkeit der Bürgschaft lässt sich in keinem Maße bestimmen. Daher werde ich hier nicht zugreifen.

Beim Immobilien Crowdfunding bin ich persönlich immer etwas vorsichtig, weil mir durch die Immobilie mehr Sicherheit suggeriert wird, als tatsächlich vorhanden ist. Am Ende investiert man schließlich in die Projektgesellschaft und nicht in das Objekt selber. Sicherheiten stehen üblicherweise auch nicht zur Verfügung. Bei den beiden vorliegenden Objekten erscheint mir aber der Zins – ohne weitere tiefgreifende Analyse der Objekte – als ausreichend, um das Risiko einzugehen. Außerdem sind die Laufzeiten schön kurz.

Fazit

Diese Vorgehensweise werde ich bei meinen zukünftigen Investments in Crowdlendingangebote beachten, um die Renditen der einzelnen Projekte transparenter zu machen und einfacher miteinander vergleichen zu können.

Falls grundsätzliches Interesse besteht, würde ich die obige Tabelle auch auf andere Projekte ausweiten und ähnlich der Übersicht über aktuelle Investmentchancen bei Start-ups auf dieser Website veröffentlichen und aktuell halten. Schreib mir einen Kommentar oder schick mir eine E-Mail an enrico@derstartupinvestor.de.

 

*Der genaue Rechenweg: (1,0048*1,0144*1,0164*1,0178*1,0192)^(1/5)

2 Comments

  1. Flo said:

    Hi Enrico,
    Warum genau beachtest du die Inflation bei deinen Berechnungen? Die ist doch sowieso in jedem Fall gegeben…

    10. Juli 2016
    Reply
    • Enrico said:

      Hallo Flo,

      das ist eine gute Frage. In meinem vorherigen Post erkläre ich das damit, dass die Inflation berücksichtigt werden muss bei der Berechnung der Zinshöhe, weil der Kreditgeber schließlich auch real (=nach Inflation) einen Kapitalertrag verbuchen möchte. Da mich im wesentlichen interessiert, wie hoch die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit bei den verschiedenen Fundings ist, berücksichtige ich die Inflation bei der Rechnung.

      Ich interpretiere deinen Kommentar so, als dass die Inflation ja genauso gut auf andere Investitionen wirkt und deswegen außen vor gelassen werden kann, um verschiedene Angebote zu vergleichen. Sollte ich Aktien, ETFs oder Fonds kaufen, wirkt die Inflation ähnlich wie auf partiarische Nachrangdarlehen. Allerdings gibt es inflationsgeschützte Anlagen: viele würden hier Immobilien nennen, mir fallen aber zuerst inflationsindexierte Anleihen ein, die Anleger mit einem Inflationsschutz versorgen. Daher würde ich auch bei einem bloßen Vergleich der Anlagen immer die Inflationserwartungen berücksichtigen.

      lg
      Enrico

      22. Juli 2016
      Reply

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